Ach, was gab es einst in der deutschen Schlagerlandschaft für einen Aufruhr, als ein bis dato völlig unbekannter Sänger wagte, mal nicht über das Lieblingsthema Nummer Eins zu singen - die Liebe. Stattdessen ging es um die Sorgen und Nöte des kleinen Mannes auf der Straße. Verstört blickten etablierte Schnulzenkönige wie Chris Roberts und Tony Marschall in die Welt. Noch schlimmer erging es den deutschen Schlagermanagern: "Der (neue Sänger; Anm. der Redaktion) ist ja bescheuert. Wer will so was hören?" Nun, hören wollten das schließlich viele. Sein erster großer Erfolg bestand 1974 in dem Fernfahrer-Lied "Er ist ein Kerl (der 30 Tonner Diesel)", das sich ganz gut verkaufte. Doch seinen Durchbruch schaffte der neue Mann im gleichen Jahr mit "Hey Boss, ich brauch mehr Geld". Der Name des mutigen Künstlers? Gunter Gabriel!
Kanalarbeiter und Möbelpacker
Gunter, als Günther Caspelherr am 11. Juni 1942 in Bünde/Westfalen geboren, schaut auf eine harte Kindheit zurück. Früh verstarb seine Mutter; der Vater galt als rau und unzugänglich. Nach der Volksschule und einer Lehre als Maschinenschlosser verließ er Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre sein Zuhause, zog durch Europa. Jobbte mal als Kanalarbeiter in München und Bierfahrer in Hannover, mal als Möbelpacker in Marseille und Hafenarbeiter im italienischen Savona. Später studierte Gabriel gar sechs Semester Maschinenbau an der Fachhochschule Hannover. Und sehr oft trat er abends als Sänger auf - in Kunstgalerien, sowie bei Vernissagen und Casting-Shows. Nach Abbruch des Studiums widmete er sich fortan nur der Musik.
Anfang der 70er Jahre ergatterte Gunter seinen ersten Plattenvertrag. 1974 begann seine große Karriere; er wurde bundesweit bekannt. Oft übertrug er US-amerikanische Country-Songs ins Deutsche wie beispielsweise den Titel "Wanted Man" von Johnny Cash. Daraus wurde 1973 dann schließlich "Ich werd' gesucht (in Bremerhaven)". Stets verschmähte der engagierte Sänger jede Form von Wildwest-Romantik. Vielmehr nutzte er die Country-Musik, um seine eigenen Geschichten zu erzählen. Genau dies hob ihn von den damals üblichen Schlagersängern ab. "Die Art von Country-Musik, wie ich sie verstehe und wie sie eigentlich auch im Amerikanischen verstanden wird, ist eine Story-Musik. ... Ich habe also das Ziel, gute Songs mit guten Texten und guten Botschaften rüber zu bringen", erklärt Gabriel.
Später schrieb er regelmäßig für andere bekannte Interpreten: zum Beispiel "Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst" für Juliane Werding, "Das wär John nie passiert" für Wencke Myhre und "Ich trink auf dein Wohl, Marie" für Frank Zander. Doch in den 80er Jahren erlebte der Country-Barde seinen absoluten Tiefpunkt: Dank falscher Freunde schmolz sein persönliches Guthaben auf Null. Gabriel mutierte in der deutschen Schlagerszene zur unerwünschten Person. Ganze fünf Jahre trieb er sich im Wohnmobil auf deutschen Autobahnen herum, betäubte seinen Schmerz mit Alkohol und anderen Drogen.
Das Tennessee-Projekt
Erst 1989 gelang ihm mit dem Album "Dieselknechte" ein furioses Comeback. 1993 nahm ihn die "German American Country Music Federation" (GACMF) in die deutsche "Country Music Hall of Frame" auf. Wie Gunter Gabriel selbst sagte, war er viele Jahre mit seinem Idol Johnny Cash befreundet. Im Jahr 2003, kurz vor dessen Tod, erfüllte sich ein langersehnter Traum des deutschen Sängers: Mit dem Okay des Altmeisters nahm Gabriel in Johnny Cashs Privatstudio in Hendersonville bei Nashville das Album "Das Tennessee-Projekt" mit 18 Cash-Songs auf - in deutscher Sprache. Die Ikone der Country-Musik gewährte Gunter sogar noch ein persönlich gesprochenes Intro
Gunter Gabriels Leben gleicht einer Achterbahn; negative Schlagzeilen holten ihn immer wieder ein. Besonders unvergessen seine verbale Attacke auf Arbeitslose bei einem Auftritt in Eisleben 2004 ("Ihr habt ja so viel Zeit ..."). Später mutierte dieser Satz zu einem Teil eines Liedes von DJ Koze. Auch heute noch absolviert der Sänger seine Auftritte, gibt Autogramme, genießt den Kontakt mit dem Publikum. "Natürlich fühle ich mich in der Küche oder vor dem Fernseher wohl, aber am wohlsten fühle ich mich auf der Bühne, besonders gegen Ende eines Konzertes, wen man richtig auf Touren ist", schwärmt der deutsche Country-Sänger, der heute auf einem Hausboot im Hamburger Freihafen lebt. Gunter Gabriel - unbequem, aber ehrlich.
Joachim Eiding
Quelle: wikipedia.de - gunter-gabriel.de - guntergabriel.com - country.de - laut.de - tvspielfilm.de - countryhome.de
music4ever.de - Was macht eigentlich ... - Nr. 9 - 9/07-II