... ein Roman in Eigenproduktion

Viele Musiker produzieren und vermarkten ihre Musik selbst. Diese Möglichkeit gibt es auch für Literatur. Dorothea Rothenfels hat hier den Weg über einen Verlag gewählt, der an den Buchhandel und an die ISBN-Vergabestelle angeschlossen ist. Solche Modelle gibt es für Musik bisher nicht in nennenswertem Umfang. Wir sind neugierig auf ihre Erfahrungen ...
Das Buch heißt »Nadelstiche - ein ungebührlicher Roman aus der Provinz« (ISBN 9 783 867 092 631). Es spielt in der Heimat der Autorin und begleitet die kleine Sylvia - sie ist um 1960 vier Jahre alt - durch Kindheit, Jugend und das erwachsen-Werden. Höhepunkt ist eine nicht ganz alltägliche Variante, »nein« zu sagen. Doch wird weder das Genre »Entwicklungsroman« bedient, noch das Genre »Emanzipationsroman«. Es ist einfach eine spannende Geschichte, die ganz nebenbei einem heute oft verklärten Zeitalter den Glanz nimmt. Vom Stil her dürfen wir es ruhig darunter kategorisieren, was man in der Musik als »independent« bezeichnet, also eigenständig und ohne passende Schublade: Weder Klassik noch Punk, und ganz bestimmt kein seichter Schlager.
Dorothea Rothenfels ist an Multipler Sklerose erkrankt; wie sich herausstellte, schon viele Jahre vor der ersten Diagnose, die ihr immerhin zu verstehen half, warum sie die ganze Zeit an manchen wirklich einfachen Dingen gescheitert ist.
- Dorothea, was waren die Beweggründe für Dein Buch? Hing dies mit deiner Kindheit in Franken zusammen? Oder geht es um ein Psychogramm der Provinz, oder um ganz etwas anderes?
Ich denke mal, da haben wir schon die erste Parallele zur Musik - man macht einfach Musik, oder eben nicht. Mit dem Unterschied, dass viel seltener nach den Gründen gefragt wird, warum jemand einen Song oder ein längeres Stück komponiert. Ich habe schon seit meiner Kindheit schreiben wollen, aber eine ganz dumme Blockade gehabt, die ich erst im Erwachsenenalter überwinden konnte. Dann habe ich immer mal kleinere Erzählungen oder Kurzgeschichten geschrieben.
Irgendwann ist mir der Schluss von »Nadelstiche« eingefallen. Ich habe versucht, ihn in eine Kurzgeschichte einzubauen, aber das Ergebnis hat mir gar nicht gefallen. Ich habe gemerkt, dass ich viel weiter ausholen und eine Motivation aufbauen muss, warum eine Frau so handelt. Wobei ich den Schluss hier nicht verraten will, das würde viel von der Spannung nehmen. Auch wenn der Roman auch ohne den Schluss noch seinen Wert hat, aber als Leserin wäre ich ziemlich ärgerlich, wenn man mir das Ende schon vorher serviert.
Jedenfalls während ich die Geschichte konzipiert habe, hat sie sich immer mehr selbstständig gemacht und ist zuletzt 212 Seiten lang geworden.
- In deinem Roman stellst du ja die Jugend der Hauptperson Sylvia Hun dar. In wie weit trägt Sylvia autobiografische Züge? Sie ist ja wohl etwa dein Jahrgang, und der Roman handelt und in deiner damaligen persönlichen Umgebung?
Sylvia hat autobiographische Züge, aber sie ist nicht ich. Sie erlebt vieles, das ich so ähnlich auch erlebt habe, aber noch viel mehr ist erfunden. Die Umgebung habe ich tatsächlich so beschrieben wie sie damals war. Das war eine große technische Erleichterung für mich. Dann habe ich mir beim Schreiben die Orte immer gleich vorgestellt und musste nicht immer zurückblättern, damit ich mir nicht etwa widerspreche, dass keine Regiefehler passieren - ganz primitiv gesagt - dass Sylvia von der Hauptstraße aus nicht einmal rechts und ein andermal links abbiegt, um an den selben Ort zu kommen. Dann habe ich den Orten aber erfundene Namen gegeben. Ich wollte vermeiden, dass sich jemand in dem Buch wiedererkennt. Die Figuren in meinem Buch sind zwar keine realen Personen, aber es gibt leider sehr viel Leute, die sich mit so einer erfunden Figur identifizieren und dann sehr wütend werden.
- Wo in Franken bist du aufgewachsen, und wie hast du deine Jugend erlebt?
Den Ort will ich mal nicht zu genau eingrenzen; es war in Unterfranken, am Übergang vom fruchtbaren Ackerland zum armen Spessart. Meine Jugend habe ich tatsächlich ähnlich erlebt wie Sylvia. Ich war das erste Mädchen überhaupt, das aus diesem Dorf ins Gymnasium ging. Bevor meine Mutter dort aufgetaucht ist und alle ihre Kinder ins Gymnasium geschickt hat, gab es das schlicht nicht. So ungefähr einmal in jeder Generation durfte ein begabter Junge Pfarrer werden. Mädchen durften bestenfalls eine Lehre machen. Aber wir waren schon vorher Außenseiter. Mein Vater war eine begehrte Partie - schließlich waren die meisten jungen Männer im Krieg umgekommen - und sie war eine Fremde, eine Flüchtlingsfrau.
- Speziell auf deine Krankheit bezogen - meinst du, du hättest in anderer Umgebung und in einer anderen Zeit bessere Chancen gehabt?
Solche Spekulationen sind immer müßig. Heute wird MS viel schneller diagnostiziert und dann sofort behandelt. Ich habe dieses Interferon erst mehr als 20 Jahre nach dem ersten dokumentierten MS-Schub bekommen und gar nicht vertragen. Nicht im Sinne besonders starker Nebenwirkungen, sondern das Medikament hat bei mir die MS massiv verschlechtert. Wer weiß, ob die Unverträglichkeit erkannt worden wäre, oder ob man einfach gedacht hätte, die Krankheit sei halt so aggressiv.
In der Schule hätte ich es als Kind armer Leute heute wohl noch schwerer als in den 60er und 70er Jahren. Damals wurde der Sozialstaat noch hoch gehalten. Wenn meine Eltern dem gehobenen Bürgertum angehört hätten, hätte ich es natürlich leichter gehabt, heute und vor 40 Jahren.

- Du schreibst unter Pseudonym - warum?
Ich sagte ja schon, dass ich nicht will, dass sich jemand in dem Buch wiedererkennt oder glaubt, sich wiederzuerkennen. Die Geschichte wird als Biographie gelesen, das kann ich nicht verhindern. Nun, es ist ja auch eine Biographie; die der Sylvia Hun, aber nicht meine.
Ein anderer Grund war, dass ich unter meinem eigenen Namen ganz andere Sachen publiziere und nicht als »Peterle auf alle Suppen«* dastehen will.
- Du hast über einen »On-Demand«-Verlag publiziert. Hat sich das für dich gelohnt? Welche Vorteile zeigt dieses Prinzip gegenüber dem üblichen?
Finanziell hat es sich bis jetzt sicher nicht gelohnt. Es war zwar nicht teuer, das Buch publizieren zu lassen, aber es wurden auch nur wenig Bücher verkauft. Das ist vollkommen logisch, wenn man die Werbe-Kampagnen anschaut, mit denen Verlage ihre Produkte unters Volk werfen. »On-Demand«-Bücher kann man zwar in jedem Buchladen bestellen, aber man wird sie dort nicht in den Regalen und erst recht nicht in den Schaufenstern finden. Und wer von dem Buch nichts weiß, kann es auch nicht lesen.
Das ist schade, denn das Buch hat viel mehr Leser verdient.
Andererseits, wenn es einem passiert, dass ein Buch nicht gleich auf das erwartete Interesse stößt, verschwindet es bei den großen Verlagen über Nacht aus dem Programm. Mein Buch kann so lange bestellt werden, wie ich einen kleinen monatlichen Beitrag dafür zahle. Ich kann ihnen also eine lange Vorlaufzeit gönnen. Schließlich ist das Thema in zehn Jahren nicht weniger aktuell als heute.
- Wie siehst du die generellen Chancen für dein Buch hinsichtlich des ständig wachsenden Marktes? Haben nicht viele Leser das Gefühl, buchstäblich überschwemmt zu werden?
Der Markt wächst ja nicht, sondern in erster Linie das Angebot an austauschbarer Massenware. Bei Lesungen erlebe ich die Sehnsucht nach etwas anderem als den Massenartikeln, und niemanden stört, dass ich nicht lange laut und konzentriert sprechen kann. Die Leute fühlen sich natürlich schon überschwemmt, aber ganz bestimmt nicht von - sagen wir mal - handwerklichen Dingen, sondern von industriellen.
- Themenwechsel: Wir sind ja ein Musik-Magazin. Welche Gruppen und Interpreten aus den fränkischen Gefilden liegen dir besonders am Herzen? Oder überhaupt - wie ist dein Verhältnis zur Musik?
Ich mache keine Musik, ich schreibe. Für Musik ist mein Radio zuständig. Wenn du mit der Frage die Musik der späteren 1960er und 1970er meinst - das ist irgendwie an mir vorbei gegangen.
Ihr habt mal den Bernhard Maisberger interviewt, den habe ich live gehört. Das ist wie bei einer Lesung, da stellt jemand vor, was er macht, und das ist spannend und interessant. Da höre ich natürlich gerne zu, da lebt die Musik, da muss man nicht Fan irgendeiner Richtung sein.
- Was rätst du anderen Kultur-Schaffenden - wir denken da natürlich an wenig bekannte Musiker - lohnt sich eine Eigenproduktion, oder soll man sich lieber der Übermacht der Bohlen & Co unterwerfen - gerade in persönlicher Hinsicht (der finanzielle Erfolg ist ja wohl von ganz anderen Dingen abhängig)?
Das war hoffentlich eine rein rhetorische Frage ... man kann doch niemandem zumuten, sich dem Herrn Bohlen auszuliefern. Also auf jeden Fall auf die eigenen Füße stellen!
Wenn ich eine Lesung habe, sind die Zuhörer, in meinem Fall meist die Zuhörerinnen, immer interessiert, das Buch ganz zu lesen. Lesungen sind fast der einzige Marketing-Kanal. Bei Musikern dürfte das noch deutlicher ausgeprägt sein. Zuhörer von Konzerten wollen doch gern eine CD mitnehmen. Und dann gehört wohl auch dazu, dass die Musiker eine Kostprobe ihrer Kunst im Internet anbieten. Das habe ich natürlich auch ...
Dorothea Rothenfels, danke für das Gespräch!
Interview: Joachim Eiding
Link: dorothea-rothenfels.de
* Glossar: »Peterle auf alle Suppen«: »Peterle« bedeutet »Petersilie«.
music4ever.de - Interview - Nr. 41 - 2/10